„Ein Papagei als Haustier ist wie ein Kleinkind, das nie erwachsen wird“

Interview mit Auguste von Bayern über vom Aussterben bedrohte Papageien und ihre Eignung als Haustier

24. Mai 2022

„Sag mal „Lora“!“ Dieser Klassiker ist eigentlich eine Beleidigung für jeden Papagei, zählen sie doch zu den intelligentesten Lebewesen auf der Erde. Einem besonders gelehrigen Schüler, dem Graupapagei Alex, haben Forschende rund 500 Wörter beigebracht, die dieser aber nicht nur nachplapperte, sondern deren Sinn er auch verstand. Doch werden die faszinierenden Tiere die Artenkrise der kommenden Jahrzehnte überhaupt überleben? Auguste von Bayern vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz in Seewiesen (in Gründung) erforscht in Kooperation mit der Loro Parque Stiftung die Denkfähigkeit verschiedener Papageien-Arten und kennt die Bedrohungen und Bedürfnisse der Tiere aus ihrem Forschungsalltag. Sie ist Natura 2000-Botschafterin und kämpft für die Erhaltung der Artenvielfalt.

Was ist die größte Gefahr für die Papageien?

Auguste von Bayern: Die größte Bedrohung ist die Zerstörung ihres Lebensraums. Das ist nicht verwunderlich, denn die meisten Arten leben in tropischen und subtropischen Regenwäldern, und diese sind eben leider besonders gefährdet. In Ecuador beispielsweise sind knapp drei Prozent des Primärwalds übriggeblieben, vom brasilianischen Regenwald entlang der Ostküste, dem Mata Atlantica, gibt es nur noch etwa sieben Prozent. Ohne ihren Wald können Papageien aber nicht überleben, denn viele Arten sind Höhlenbrüter und auf große alte Exemplare bestimmter Baumarten angewiesen. Außerdem ernähren sie sich oft von ganz bestimmten Früchten und Nüssen.

Ein weiteres großes Problem ist der Haustierhandel. Ein Küken eines großen Soldatenara zum Beispiel wird auf dem Schwarzmarkt für rund 900 Euro gehandelt, ein erwachsenes Tier aus der Zucht kostet um die 1500 Euro. Sogar vom Aussterben bedrohte Papageienarten werden wegen ihrer Federn oder einfach nur als Sport gejagt. Ich habe kürzlich gehört, dass der große Soldatenara, über den ich forsche, in Panama sogar noch gegessen wird.

Welche Arten sind besonders bedroht?

Besonders bedroht sind zum Beispiel der durch den Animationsfilm „Rio“ berühmt gewordene brasilianische Spix-Ara, der inzwischen in der Natur ausgestorben ist. Außerdem die Costa Rica Amazone, der wahrscheinlich schon ausgestorbene Diademlori aus Neukaledonien, der brasilianischer Graubrustsittich und der neuseeländische Kakapo. Von den 387 Papageienarten, die man heute kennt, stehen 109 auf der Roten Liste, also fast ein Drittel. Davon sind 17 „vom Aussterben bedroht“ und 38 „bedroht“. Dazu kommen noch 16 Arten, von denen wir wissen, dass sie in den letzten Jahrhunderten ausgestorben sind. Das macht die Vögel zu einer besonders bedrohten Tiergruppe.

Papageien sind also Botschafter für eine Biodiversitätskrise historischen Ausmaßes: Die vom Menschen verursachte Aussterberate liegt um das 100- bis 1000-Fache über der normalen biologischen Rate, es handelt sich über das größte Massenaussterben seit dem Aussterben der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren. Der internationale Biodiversitätsrat warnt eindringlich vor dem drastischen Ausmaß und spricht von einer Million akut vom Aussterben bedrohten Arten, wahrscheinlich sind es aber deutlich mehr, da wir ja bei weitem noch nicht alle Arten kennen. Auch in Deutschland verlieren ja Tiere und Pflanzen in einem unvorstellbaren Ausmaß: Über die Hälfte der 259 dauerhaft hier brütenden Vogelarten ist gefährdet. 14 Arten sind in Deutschland bislang ausgestorben, 6 weitere werden voraussichtlich in der nächsten Roten Liste als nicht mehr vorkommend aufgelistet werden müssen.

Papageien sind allerdings auch Gallionsfiguren für den Arten- und Lebensraumschutz, denn von ihrem Schutz profitieren ebenso viele bedrohte, aber unscheinbarere oder weniger charismatische Arten. Ihre Bestände sprechen zudem gut auf Schutzmaßnahmen an. Beispiele für erfolgreichen Artenschutz sind Graubrustsittich, Kakapo, Lear Ara oder die Wiederansiedelung des Großen Soldatenaras.

Welche Organisationen kümmern sich denn um den Erhalt von Papageien?

Birdlife International, World Parrot Trust, Parrots International, ZGAP, um nur einige zu nennen. Auch die Loro Parque Stiftung, mit der ich bei meiner Forschung zusammen arbeite, setzt sich für den Schutz von Papageien ein. Die Stiftung unterstützt Schutzprojekte für 30 bis 40 Papageienarten und einigen Meeressäugern mit dem Ziel, bedrohte Arten vor dem Aussterben zu retten. Neun Papageienarten konnten dank ihres Engagements vom Aussterben bewahrt werden, fünf davon wurden sogar in Ihrem Bedrohungsstatus heruntergestuft. Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist auch die verantwortungsvolle Zucht, um den illegalen Handel einzudämmen, sowie die Nachzucht zur Generhaltung und Wiederauswilderung bedrohter Arten. Deshalb unterhält sie auf Teneriffa eine Zuchtstation, in der über 4500 Tiere aus über 200 Arten leben. 

Was erforschen Sie mit den Papageien?

Meine Arbeitsgruppe will mit Hilfe der Vögel die Evolution von Intelligenz und von komplexer Kommunikation innerhalb der Wirbeltiere besser verstehen und herausfinden, inwiefern Sprache mit Intelligenz zusammenhängt. Papageien sind noch kaum erforscht. Zusammen mit Rabenvögeln besitzen sie neben Primaten und Delfinen das relativ zum Körper größte Gehirn aller Wirbeltiere, jedoch mit einer viel höheren Dichte an Nervenzellen. Die Vögel bestechen durch ihre hochentwickelten kognitiven Fähigkeiten und ihr komplexes Sozialleben. Papageien sind eine artenreiche und diverse Tiergruppe, die verschiedenste Lebensräume, von trockener Savanne bis tiefsten Regenwald oder Bergregionen, besiedelt. Sie sind also besonders geeignet für einen systematischen Vergleich zwischen Arten.

Hinzu kommt, dass Papageien extrem leicht Laute lernen und imitieren können. Damit könnten sie ein Schlüssel dafür sein, die Evolution menschlicher Sprache zu verstehen, denn vokales Lernen und Imitieren ist auch eine Grundvoraussetzung der menschlichen Sprache und kommt nur in wenigen Tiergruppen überhaupt vor. In der Zuchtanlage der Loro Parque Stiftung können wir die kognitiven Fähigkeiten verschiedener Papageienarten systematisch miteinander vergleichen und so herausfinden, welche Faktoren Intelligenz und Imitierfähigkeit der Tiere beeinflussen und die damit in der menschlichen Evolution eine Rolle gespielt haben könnten.

Graupapageien helfen anderen ans Futter

Dabei leisten wir auch wichtige Aufklärungsarbeit. In unserer Forschungsstation, die in den Loro Parque Zoo integriert ist, arbeiten wir mit drei vom Aussterben bedrohten Ara- und zwei weiteren bedrohten Arten. In einem verspiegelten „Labor“ führen wir Verhaltenstests vor den Augen der jährlich ca. 1,4 Millionen Zoobesucher durch, ohne dass die Papageien und Forscher es selbst bemerken. Dabei führen wir den Menschen die faszinierenden Denkfähigkeiten dieser charismatischen Vögel vor Augen. Man kann förmlich sehen, wie die Tiere Ihre Entscheidungen genau nach Kosten und Nutzen abwägen, spontan Artgenossen helfen oder sie imitieren, oder ob sie in die Zukunft planen und komplexe Denkaufgaben lösen können.

Ich bin sicher, dass die Erkenntnis, dass diese Tiere auf dem gleichen Intelligenzniveau rangieren wie Menschenaffen, den Menschen zu denken geben und ihr Gewissen aufrütteln. Schließlich kann man nicht zuzulassen, dass so hochintelligente und faszinierenden Tiere aussterben.

Wie sollten Papageien gehalten werden, was ist mindestens erforderlich?

Papageien sollten eigentlich nur von Experten gehalten werden. Zoos und Profizüchter, wie die Loro Parque Stiftung, erfüllen mit ihren internationalen Zuchtprogrammen wichtige und leider inzwischen für viele Arten unerlässlich Funktionen für den Artenschutz. Sie leisten wichtige Bildungsarbeit und machen die von ihnen gehaltenen Arten erfahrbar als Botschafter für ihre bedrohten Artgenossen in der Wildnis und die Wichtigkeit des Artenschutzes.

Als Haustier sind viele Papageienarten dagegen denkbar ungeeignet. Sie sind anspruchsvoll, oft extrem, wenn nicht unerbittlich laut. Sie entwickeln leicht Marotten und Verhaltensabnormitäten, wie Federausrupfen oder unaufhörliches Schreien, wenn sie ihr natürliches Verhaltensrepertoire und ihren Bewegungs- und Knabberdrang nicht ausleben können oder zu wenig Aufmerksamkeit erfahren.

Papageien brauchen viel Platz und sollten nicht allein gehalten werden. Sie sind hochsoziale Tiere und die meisten Arten leben fixiert auf einen Partner in lebenslanger Einehe. Eine Voliere kann gar nicht groß genug sein, ein Käfig oder die Haltung auf einer Stange mit einer Kette ums Bein, wie er bis heute noch vielfach anzutreffen ist, ist absolut indiskutabel und gehört verboten. Wichtig sind auch die richtige Temperatur, Luftfeuchtigkeit und angemessenes Futter, ansonsten werden die Vögel krankheitsanfällig und sterben. Die Haltung kann entsprechen kostspielig sein. Man sollte sich deshalb vorher überlegen, ob man diese Ansprüche dauerhaft – manche Arten können sehr alt werden – erfüllen kann.

In jedem Fall muss man sich bewusst sein, dass Papageien Tiere sind, die kognitiv auf demselben Niveau wie Schimpansen oder Gorillas stehen. Man nimmt quasi ein Kleinkind auf, das aber eben nie erwachsen wird und dazu um ein Vielfaches lauter ist.

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